Teilungsanordnung oder Vorausvermächtnis

Ein Mensch kann in seinem Testament Vorgaben für die Teilung seines Nachlasses unter den Erben treffen. Dies geschieht durch Teilungsanordnungen. Das Motiv für Teilungsanordnungen ist oft der Wunsch, Streit unter Miterben zu vermeiden. Die Praxis zeigt jedoch, dass damit leider oft genau das Gegenteil erreicht wird.

IN DIESEM KAPITEL ERFAHREN SIE:

Wo liegt der Unterschied zwischen einer Teilungsanordnung und einem Vorausvermächtnis und was sollte im Zusammenhang mit einer Teilungsanordnung klar geregelt werden.

Beispielfall: Teilungsanordnung im Testament

Michael Deller hinterlässt zwei Kinder, Tochter Theresa Deller und Sohn Siegfried Deller. Zum Nachlass gehören neben Geld und Wertpapieren im Wert von 100.000 € eine Immobilie in Oberbayern, das Wohnhaus des Verstorbenen, sowie ein Mietshaus in Berlin.

Nach dem Tod des Vaters finden die Kinder in den Unterlagen folgendes Testament:

Ich, Michael Deller, geboren am 11.3.1938, errichte hiermit mein Testament.

Erben sollen meine beiden Kinder sein. Da mein Sohn in der Nähe wohnt, soll dieser mein Wohnhaus erhalten. Meine Tochter erhält die Immobilie in Berlin. Ich hoffe, meine Kinder immer gerecht und gleich behandelt zu haben.

München, 16.10.2001

Michael Deller

Obwohl vermeintlich klar formuliert, führt das Testament zu einem Streit zwischen Theresa Deller und Siegfried Deller. Die Kinder streiten nicht nur, ob es zu einem Ausgleich der unterschiedlichen Werte der Immobilien kommen soll – schließlich hat der Vater ja im letzten Satz die Hoffnung geäußert, er habe Gerechtigkeit und Gleichbehandlung walten lassen. Auch über den Wert selber haben die Kinder von Michael Deller völlig unterschiedliche Vorstellungen.

Siegfried schätzt, das ihm vermachte Wohnhaus sei lediglich 400.000 € und die Immobilie in Berlin mindestens 1.000.000 € wert. Theresa Deller meint hingegen, die Immobilie in Berlin sei mit maximal 600.000 € anzusetzen, während das stattliche Wohnhaus des Vaters für mindestens 500.000 € verkauft werden könne.

Die Geschwister möchten unterschiedliche, ihnen jeweils persönlich bekannte Gutachter mit der Wertermittlung beauftragen. Auf einen gemeinsamen Gutachter können sie sich nicht einigen, zumal Theresa Deller der Auffassung ist, dass die Werte gleichgültig seien, weil es nicht zu einem Ausgleich käme.

Das Problem

Michael Deller hat in seinem Testament nicht klar die Quote der Erben festgelegt, sondern nur einzeln die maßgeblichen Vermögenswerte zugewendet. Dies könnte dazu führen, dass die Erbquote der Erben aus dem Wert der Gegenstände zu ermitteln ist.

Liegt beispielsweise der Wert der Immobilie in Berlin bei 950.000 € und der des Wohnhauses bei 450.000 €, bekämen die Miterben nach Teilung eines sonstigen Vermögens in Höhe von insgesamt 100.000 € sehr unterschiedliche Werte. Theresa erhielte insgesamt die Berliner Immobilie und 50.000 €, also eine glatte Million Euro, ihr Bruder Sebastian bekäme dagegen nur das Wohnhaus und 50.000 €, also lediglich eine halbe Million Euro. Würde man diese Werte der Erbquote zugrunde legen, so müsste ein Erbschein dahingehend lauten, dass Theresa Deller Erbin zu 2/3 und Sebastian Deller Erbe zu 1/3 geworden sei.

Diese Interpretation des Testaments würde die Tochter Theresa eindeutig bevorzugen. Es ist jedoch auch eine ganz andere Interpretation möglich: Der letzte Satz kann als klarer Hinweis darauf gedeutet werden, dass der Vater während seines Lebens und auch bei der Errichtung des Testaments auf Gerechtigkeit und Gleichbehandlung großen Wert gelegt hat. Nach dieser Interpretation werden die Kinder jeweils zur Hälfte Erben. Es stellt sich jedoch bei dieser Deutung die Frage, ob und wie ein Ausgleich wegen der unterschiedlichen Immobilienwerte zu erfolgen hat.

Die Lösung

Im vorliegenden Fall hat der Erblasser in seinem letzten Satz klargestellt, dass er seine beiden Kinder gleich behandeln wollte. Das Testament spricht somit eindeutig dafür, dass die Kinder Erben jeweils zur Hälfte sind. Wenn dem Testament eine Gleichbehandlung der Kinder zu entnehmen ist, sind die Zuwendungen der Immobilien als sogenannte Teilungsanordnungen zu werten. Mit solchen Teilungsanordnungen legt der Erblasser fest, wie seine Nachlassgegenstände unter den Miterben verteilt werden sollen.

Derartige Teilungsanordnungen führen dazu, dass unterschiedliche Werte der zugewendeten Gegen-stände auszugleichen sind. Dies setzt naturgemäß voraus, dass die Werte ermittelt werden. Auf der Grundlage eines Sachverständigengutachtens lassen sich dann Ausgleichszahlungen berechnen. Ergeben die Sachverständigengutachten beispielsweise die zuvor genannten Werte von 450.000 € für die Immobilie in Oberbayern und 950.000 € für die Immobilie in Berlin, ist bei einem sonstigen Vermögen in Höhe von 100.000 € wirtschaftlich wie folgt zu teilen:

Das sonstige Vermögen im Wert von 100.000 € wird 50:50 geteilt. Die Immobilie in Oberbayern wird Sebastian Deller zum Alleineigentum übertragen. Theresa Deller erhält die Immobilie in Berlin als Alleineigentümerin. Dies geschieht jedoch nur Zug um Zug gegen Auszahlung eines Ausgleichs an ihren Bruder in Höhe von 250.000 €. Jedes der beiden Kinder erhält damit wirtschaftlich 750.000 €.

Vorausvermächtnis

Oft will ein Erblasser einem Erben etwas zusätzlich zuwenden und anderen Erben weniger überlassen. Dies geschieht nicht durch eine Teilungsanordnung, sondern durch ein „Vorausvermächtnis“. Anders als eine Teilungsanordnung wird das Vorausvermächtnis nicht auf den Erbteil angerechnet. Es kommt somit auch nicht zu einer Ausgleichszahlung an andere Erben.

Möchte beispielsweise eine 89-jährige Erblasserin ihrer Tochter für umfangreiche Pflege während ihrer letzten Lebensjahre zusätzlich etwas zuwenden, kann sie dies durch ein Vorausvermächtnis tun.

Muster: Vorausvermächtnis

Ich, Andrea Meilenstein, setze meine beiden Kinder Sebastian und Theresa zu Erben zu jeweils gleichen Teilen ein.

Zusätzlich zu ihrem Erbteil soll meine Tochter Theresa als Dank für ihre langjährige Pflege im Wege eines Vorausvermächtnisses meine Eigentumswohnung in München Schwabing in der Schellingstraße erhalten.

 

TIPP VOM FACHANWALT FÜR ERBRECHT AUS MÜNCHEN

Bei der Zuwendung von einzelnen Gegenständen an verschiedene Personen kommt es häufig zu Unklarheiten. Es ist manchmal kaum mehr herauszufinden, was der Erblasser gemeint und gewollt hat.

Stattdessen Fragen über Fragen: Welche Erbquoten wollte der Erblasser? Wollte er ein nicht auszugleichendes Vorausvermächtnis oder eine auszugleichende Teilungsanordnung?

Um Streit über solche Fragen und gerichtliche Auseinandersetzungen mit Ermittlungen und Beweisaufnahmen zu vermeiden, sollte jedes Testament klar und eindeutig folgende Punkte festlegen:

  • den oder die Erben mit entsprechender Erbquote, gegebenenfalls unter Bezugnahme auf die gesetzliche Erbfolge und erst anschließend,
  • bei einem Vorausvermächtnis die Bestimmung, dass kein Ausgleich zu erfolgen habe,
  • bei einer Teilungsanordnung eine Klarstellung, dass es zu einem Ausgleich kommen soll und wie dieser zu geschehen habe.

 

Muster: Vorausvermächtnis und Teilungsanordnung

Zu meinen Erben setze ich meine Kinder Sebastian und Theresa zu gleichen Teilen ein. Ich ordne für die Auseinandersetzung der Erbengemeinschaft Folgendes an:

  1. Mein Sohn Sebastian erhält im Wege der Teilungsanordnung und somit in Anrechnung auf seinen Erbteil meinen Anteil an der Meier GmbH.
  2. Meine Tochter Theresa erhält im Wege des Vorausvermächtnisses und somit ohne Anrechnung auf deren Erbteil, meine Eigentumswohnung in München, Hubertusstr. 12.