Gründe für eine Testamentsvollstreckung

Wer ein Testament oder einen Erbvertrag errichtet, hat klare Ziele vor Augen: eine gerechte und zügige Verteilung des Nachlasses, Schutz des hinterlassenen Vermögens, Erhaltung des Familienfriedens und finanzielle Absicherung des Ehepartners und anderer Familienmitglieder. Diese Ziele lassen sich oft besser verwirklichen, wenn die Verantwortung für die Nachlassabwicklung einem Testamentsvollstrecker übertragen wird. Denn wenn die Erben versuchen, alles selbst zu regeln, ist Streit und Ärger häufig vorprogrammiert.

IN DIESEM KAPITEL ERFAHREN SIE:

Wie durch eine Testamentsvollstreckung die Nachlassabwicklung erleichtert wird, Erbengemeinschaften auch ohne Streit beendet werden können, die Erfüllung von Auflagen und Vermächtnissen durchgesetzt werden kann, Vorsorge für minderjährige Kinder getroffen wird und der Zugriff von Gläubigern eines Erben auf den Nachlass verhindert werden kann.

Beispielfall: Gute Gründe, welche für eine Testamentsvollstreckung sprechen

Heinrich und Monika Riedl aus München sind jeweils in zweiter Ehe verheiratet und haben als gemeinsames Kind die zehnjährige Tanja. Aus der ersten Ehe von Herrn Riedl stammen die beiden Kinder Claudia und Michael. Das Verhältnis dieser beiden Kinder zueinander war schon immer von Streit und Missgunst geprägt. Heinrich Riedl, der Claudia und Michael testamentarisch ein Mietshaus in München zuwenden möchte, hat große Sorge, dass sich die beiden Geschwister nach seinem Tod nicht über die Verwaltung dieser Nachlassimmobilie einigen können.

Herr Riedl hat noch ein weiteres, nichteheliches Kind, Wolfgang, zu dem er ein gutes Verhältnis hat. Wolfgang soll auch einen gewissen Anteil am späteren Nachlass von Heinrich Riedl erhalten. Allerdings neigt Wolfgang zur Verschwendung und leidet unter notorischem Geldmangel, so dass die dauerhafte Gefahr einer Privatinsolvenz besteht.

Heinrich Riedl möchte vermeiden, dass Wolfgang das Geld verjubelt. Da Heinrich und Monika Riedl jeweils ausreichend eigenes Vermögen besitzen, möchten sie sich nicht wechselseitig, sondern nur die jeweiligen Kinder als Erben einsetzen; der andere Ehegatte soll durch verschiedene Vermächtnisse abgesichert werden. Sie wenden sich in München an einen Erbrechtsspezialisten und bitten um Beratung.

Das Problem

Das Ehepaar macht sich Gedanken, wer für seine minderjährige Tochter Tanja die umfangreichen Aufgaben einer Nachlassabwicklung erledigen soll. Es möchte weiter verhindern, dass es beim Tod eines Partners zu Streitigkeiten unter den Kindern und etwaigen Schwiegerkindern kommt. Wichtig ist den Eheleuten weiter, dass die angeordneten Vermächtnisse entsprechend ihrem letzten Willen von den Erben erfüllt werden.

Die Lösung

Der Münchner Erbrechtsexperte rät Heinrich und Monika Riedl, jeweils ein Einzeltestament zu errichten, dabei die Kinder entweder als Erben oder Vermächtnisnehmer einzusetzen und diesen letzten Willen durch Anordnung einer Testamentsvollstreckung abzusichern. Er weist auf folgende Vorteile einer Testamentsvollstreckung hin:

Arbeitsentlastung für die Erben

Niemand sollte die Nachlassabwicklung unterschätzen. Die Aufgabe ist keineswegs einfach und umfasst mehrere Schritte. Viele Dinge sind zu veranlassen und zu beachten:

  • Sicherung des Nachlasses, Wohnungsauflösung
  • Sichtung aller Unterlagen
  • Erstellung des Nachlassverzeichnisses
  • Klärung aller bestehenden privaten und geschäftlichen Vertragsbeziehungen
  • Einziehung fälliger Forderungen
  • Bezahlung von Rechnungen
  • Erfüllung von Auflagen und Vermächtnissen, notwendige Kündigungen, Konten- und Grundstücksumschreibungen
  • Unterbringung von Haustieren
  • Überwachung aller Fristen
  • Abgabe der Erbschaftsteuererklärung

Aus unterschiedlichen Gründen können die Erben diese Angelegenheiten oft nicht selbst erledigen: Wer im Beruf voll gefordert ist, hat meist keine Zeit für Behördengänge. Junge und unerfahrene oder minderjährige Erben können die Nachlassabwicklung genauso wenig übernehmen wie Erwachsene, die schwer erkrankt sind.

Weit entfernt, zum Beispiel im Ausland wohnende Personen sind in der Regel nicht in der Lage, auch nur einen Teil der anfallenden Aufgaben zu übernehmen. Vor allem bei einem großen und wertvollen Nachlass wird ein geschulter und erfahrener Testamentsvollstrecker die Hinterbliebenen entlasten, beraten und unterstützen können.

Friedensstiftung

Entsteht durch den Todesfall eine Erbengemeinschaft, können die Erben den Nachlass nur gemeinschaftlich verwalten. Bei wesentlichen Entscheidungen gilt das Prinzip der Einstimmigkeit. Viele Verwandte haben sich im Zuge der Erbauseinandersetzung schon zerstritten, weil sie selbst nebensächliche Dinge nicht regeln konnten.

Ganz anders ist das bei einer Testamentsvollstreckung. Die Fäden laufen bei einer Person zusammen, die zu Objektivität und Neutralität verpflichtet ist und häufig auch bei aufkommendem Streit oder zwischen den Fronten vermitteln kann. Vorschläge eines Testamentsvollstreckers finden eher die Zustimmung aller Beteiligten als die Wunschvorstellungen von verfeindeten Familienmitgliedern, die miteinander nicht mehr reden können.

Durchsetzung des Erblasserwillens

Testamentsvollstrecker setzen die Anweisungen und Richtlinien des Verstorbenen nach dem Wortlaut und Geist seines Testaments um. Sie kümmern sich darum, dass sämtliche Auflagen und Vermächtnisse auch wirklich erfüllt werden. Manchmal ist die Testamentsvollstreckung sogar über einen längeren Zeitraum sinnvoll.

Mit einer Anordnung, welche die Vollstreckung des Testaments vorschreibt, kann der Erblasser den Nachlass der Verwaltung der Erben (befristet) entziehen, um sein Vermögen zu schützen. Die längerfristige Testamentsvollstreckung kann beispielsweise die voreilige Liquidierung wertvoller Immobilien oder die rasche Zerschlagung eines gesunden Familienunternehmens verhindern.

Minderjährigenschutz

Immer wieder kommt es vor, dass Eltern mit ihrem Vermögen minderjährige Kinder absichern wollen. In diesem Fall reicht es jedoch nicht aus, die Kinder als Erben einzusetzen. Denn solange die Kinder noch nicht volljährig sind, können deren „gesetzliche Vertreter“ mit dem Erbe machen, was sie selbst wollen oder für richtig halten. Die vom Erblasser nach jahrelangem Streit geschiedene Mutter eines erbenden Kindes hat mit dem Verstorbenen möglicherweise noch „eine Rechnung offen“ und sieht nun eine Gelegenheit, sich selbst zu bedienen, solange das Kind noch keine 18 Jahre alt ist.

Um das Erbe vor dem Zugriff eines gesetzlichen Vertreters zu schützen, kann der Erblasser Testamentsvollstreckung anordnen. Die Person, die mit dieser Aufgabe betraut wird, ist dann bei Rechtsgeschäften weder auf die Zustimmung des gesetzlichen Vertreters noch auf die Beteiligung des Vormundschaftsgerichts angewiesen.

Schutz Behinderter

Wenn ein Behinderter, der in einem Heim lebt, eine Erbschaft erhält, droht in der Regel der „sozialhilferechtliche Regress“. Der Sozialhilfeträger, der die Kosten für die Pflege und Unterbringung trägt, fordert regelmäßig die Liquidierung des Erbes zur Erstattung der von ihm erbrachten Leistungen.

Die Anordnung einer Testamentsvollstreckung kann die baldige Aufzehrung des empfangenen Vermögens verhindern, da das aus einem Nachlass stammende Vermögen des Behinderten dann vor einem Zugriff etwaiger Gläubiger und damit auch des Sozialhilfeträgers geschützt ist (ausführlich zum „Behindertentestament“ Seite n).

Schutz des Erben vor seinen eigenen Gläubigern

Manchmal steht ein Bürger bei der Errichtung eines Testaments vor der Frage, wie er den künftigen Nachlass vor den Gläubigern des Erben schützen kann. Die Testamentsvollstreckung bietet hier eine effektive Möglichkeit. Ein Nachlass, der einer Testamentsvollstreckung untersteht, ist bereits von Gesetzes wegen dem Gläubigerzugriff entzogen. Daher drängt es sich geradezu auf, zugunsten eines überschuldeten Erben Testamentsvollstreckung anzuordnen.

Der Münchener Erbrechtsexperte arbeitet für Heinrich Riedl folgendes Einzeltestament aus:

Formulierungsbeispiel eines Einzeltestaments

Mein letzter Wille

  1. Ich, Heinrich Riedl aus München, setze meine Tochter aus zweiter Ehe, Tanja Riedl, zu meiner Alleinerbin ein.

Ich ordne Testamentsvollstreckung an. Der Testamentsvollstrecker hat die Aufgabe, die Erbschaft meiner Tochter Tanja bis zur Vollendung ihres 23. Lebensjahres zu verwalten.

  1. Mein nichtehelicher Sohn Wolfgang Kiefer erhält im Wege des Vermächtnisses meine Eigentumswohnung in München, Amalienstraße 10. Für diese Eigentumswohnung ordne ich Testamentsvollstreckung an. Der Testamentsvollstrecker hat die Aufgabe, diesen Nachlassgegenstand bis zur Vollendung des 50. Lebensjahres meines Sohnes Wolfgang Kiefer zu verwalten. Die Testamentsvollstreckung bezieht sich auch auf die Erträge des Vermächtnisgegenstands. Der Testamentsvollstrecker hat dem Vermächtnisnehmer die zur Bestreitung seines Lebensunterhalts und zur Erfüllung seiner Unterhaltspflichten erforderlichen Erträge auszuzahlen.
  2. Ich vermache weiter im Wege des Vermächtnisses meinen Kindern aus erster Ehe, Claudia und Michael, mein Mietshaus in München, Adelheidstraße 10, zu gleichen Teilen. Ich ordne Testamentsvollstreckung für diesen Vermächtnisgegenstand an. Der Testamentsvollstrecker hat die Aufgabe, das Mietshaus nach meinem Tod für die Dauer von drei Jahren zu verwalten und die erzielten Rein-erträge an die Vermächtnisnehmer jährlich auszuzahlen. Können sich die beiden Vermächtnisnehmer nach Ablauf von drei Jahren nach meinem Tod nicht über die weitere Verwertung einigen, hat der Testamentsvollstrecker die Aufgabe, das Mietshaus zu verkaufen und den Erlös an die beiden Vermächtnisnehmer hälftig auszuzahlen.
  3. Zum Testamentsvollstrecker bestimme ich Herrn Rechtsanwalt Max Klug, Innere Wiener Straße 13, 81667 München, mit dem Recht, einen Nachfolger zu bestimmen.

Sollte der Testamentsvollstrecker das Amt nicht annehmen oder vor oder nach dem Erbfall wegfallen, dann soll der Vorstand des Netzwerks Deutscher Testamentsvollstrecker e.V. mit Sitz in 12163 Berlin, Schlossstraße 26 (www.NDTV.info), einen geeigneten Ersatztestamentsvollstrecker bestimmen.

Ich ordne an, dass der Testamentsvollstrecker eine angemessene Vergütung erhält, die sich im Zweifel an den Richtlinien des Deutschen Notarvereins orientiert.

München, 1.10.2010

Heinrich Riedl

Vorteile dieser Formulierung:

  • Die minderjährige Tochter Tanja Riedl aus zweiter Ehe wird Alleinerbin des Nachlasses von Herrn Riedl. Der Testamentsvollstrecker hat nach dem Erbfall zunächst die Aufgabe, sämtliche Nachlassverbindlichkeiten zu begleichen und die zugunsten von Wolfgang, Claudia und Michael angeordneten Vermächtnisse zu erfüllen. Der danach verbleibende Nachlass unterliegt der Verwaltung des Testamentsvollstreckers, bis Tanja 23 Jahre alt geworden ist.

Bis dahin entscheidet ausschließlich der Testamentsvollstrecker über die Verwaltung des Nachlasses. Er muss anfallende Erträge (zum Beispiel aus Bankguthaben oder Objekten) für die Versorgung und Ausbildung von Tanja verwenden. Erträge, die nicht verbraucht werden, müssen vom Testamentsvollstrecker zinsbringend angelegt werden. Der Nachlass, den die minderjährige Tanja erhalten hat, wird also nicht von deren Mutter Monika Riedl, sondern ausschließlich vom Testamentsvollstrecker verwaltet. Dies kann zum Beispiel dann von Vorteil sein, wenn Monika Riedl nach dem Tod von Heinrich Riedl wieder einen neuen Lebensgefährten findet.

  • Die Eigentumswohnung, die das nichteheliche Kind Wolfgang im Wege des Vermächtnisses erhält, kann wegen der angeordneten Testamentsvollstreckung nicht von dessen Gläubigern gepfändet werden. Herr Riedl kann so sicherstellen, dass die Erträge aus der Eigentumswohnung dem Sohn Wolfgang regelmäßig ausbezahlt werden, ohne dass dieser die Möglichkeit hat, die Eigentumswohnung zu veräußern. Dieses Recht steht ihm erst zu, wenn er das 50. Lebensjahr vollendet hat und damit die Testamentsvollstreckung wegfällt.
  • Die beiden Kinder Claudia und Michael erhalten im Wege des Vermächtnisses das Mietshaus in München, können hierüber aber in den ersten drei Jahren nicht verfügen. Der Testamentsvollstrecker zahlt die jährlichen Reinerträge jeweils zur Hälfte an die beiden Geschwister aus. Claudia und Michael müssen aber bis zum Ablauf der Dreijahresfrist einen Weg finden, wie sie danach mit der Immobilie verfahren wollen.

Diese Probezeit gibt den Geschwistern die Möglichkeit, ein sachliches Gespräch zu suchen, um eine tragfähige Basis für die weitere Verwaltung der Nachlassimmobilie zu finden. Sie sind gut beraten, dabei Unterstützung durch eine neutrale Person, zum Beispiel einen Mediator, zu suchen. Gelingt es den Geschwistern allerdings nicht, dem Testamentsvollstrecker eine tragfähige Grundlage für die weitere Immobilienverwaltung vorzuschlagen, muss dieser den letzten Willen von Heinrich Riedl durchsetzen und das Mietshaus verkaufen. Der Testamentsvollstrecker hat dabei den bestmöglichen Verkaufspreis zu erzielen.

Hätte Heinrich Riedl dagegen auf die Anordnung der Testamentsvollstreckung verzichtet, müssten die beiden Geschwister die Frage der Verwaltung und des Verkaufs einvernehmlich regeln. Streit ist hier regelmäßig vorprogrammiert, mit der Folge, dass am Ende nur die Teilungsversteigerung des Mietshauses bleibt, bei der im Regelfall nicht der tatsächliche Marktwert erzielt wird.

Wahl des Testamentsvollstreckers

Angesichts der Vorteile, die eine Testamentsvollstreckung bietet, stellt sich für viele Menschen vor der Errichtung eines Testaments die Frage, wer als Testamentsvollstrecker eingesetzt werden soll. Diese Frage stellt sich auch für Ehepaare, die eine Testamentsvollstreckung für die Zeit nach dem Tod des länger lebenden Ehegatten anstreben. Der Erfolg der Testamentsvollstreckung steht und fällt mit der damit beauftragten Person. Das Amt erfordert neben der fachlichen Kompetenz ein hohes Maß an Sorgfalt, Entscheidungs-, Durchsetzungs- und Überzeugungskraft sowie die Fähigkeit zum Ausgleich und innere Unabhängigkeit.

Das Risiko, dass ein Testamentsvollstrecker seine Macht missbraucht oder jedenfalls nicht immer nur zum Nutzen des hinterlassenen Vermögens einsetzt, liegt auf der Hand. Ein Angehöriger oder ein Miterbe als Testamentsvollstrecker – das birgt von Haus aus Zündstoff. Der Vorwurf, der Testamentsvollstrecker verhalte sich parteilich, kommt in diesen Fällen meist sehr schnell auf.

Streit zwischen den Erben lässt sich dagegen durch Einsetzung einer neutralen Person vermeiden:

Der Nachlass kann dann vom Testamentsvollstrecker mit einem hohen Maß an persönlicher und sachlicher Distanz als Vermittler zwischen den Erben abwickelt werden – egal, ob diese freundschaftlich verbunden oder sich feindlich gesinnt sind.

Bei der Auswahl eines Testamentsvollstreckers sind unbedingt die beiden folgenden Punkte zu beachten:

Ein juristischer Laie ist in der Regel mit der umfangreichen und komplizierten Nachlassabwicklung überfordert.

Verursacht ein unerfahrener, nicht ausgebildeter Testamentsvollstrecker – etwa bei Grundstücksgeschäften, Aktienspekulationen oder durch das Versäumnis, eine wichtige Versicherung abzuschließen – einen vermeidbaren Schaden, ist er in vollem Umfang selbst haftbar.

TIPP VOM FACHANWALT FÜR ERBRECHT AUS MÜNCHEN

Findet sich in einem Testament zwar die Anordnung der Testamentsvollstreckung, ist aber keine Person für diese Aufgabe benannt, so bestimmt das Nachlassgericht einen außenstehenden Dritten. Ein Erblasser kann dem Gericht per Testament auch mitteilen, welche Eigenschaften der Testamentsvollstrecker haben soll (von der Tierliebe bis zur Fähigkeit, Geldgeschäfte komplexer Art korrekt abzuwickeln). Wer eine konkrete Person als Testamentsvollstrecker einsetzt, sollte auch einen Ersatz-Testamentsvollstrecker benennen. So ist für den Fall, dass die an erster Stelle als Testamentsvollstrecker eingesetzte Person das Amt nicht antreten kann oder will, sichergestellt, dass eine andere Vertrauensperson des Erblassers den letzten Willen des Verstorbenen erfüllt.