Der Pflichtteil des enterbten Ehegatten

Einem Ehegatten, der durch ein Testament von der Erbfolge ausgeschlossen ist, steht eine gewisse Mindestteilhabe am Nachlass des verstorbenen Ehepartners in Form des Pflichtteilsanspruchs zu. Haben die Eheleute im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft gelebt, kann zusätzlich – ähnlich wie im Fall einer Scheidung – ein Anspruch auf Beteiligung am Zugewinn bestehen.

IN DIESEM KAPITEL ERFAHREN SIE:

Welche Ansprüche ein enterbter Ehegatte gegen den Erben des verstorbenen Ehepartners geltend machen kann, wie hoch die Pflichtteilsquote des enterbten Ehegatten ist und wann neben dem Pflichtteil ein Zugewinnausgleich verlangt werden kann.

Beispielfall: Pflichtteil des enterbten Ehepartners

Harald Matthiesen hat kein besonders gutes Verhältnis zu seiner zweiten Ehefrau Ann-Katrin und setzt deshalb Mercedes Matthiesen, seine Tochter aus erster geschiedener Ehe, testamentarisch zu seiner Alleinerbin ein. Nach dem Tod von Matthiesen lässt sich Ann-Katrin von einem Erbrechtsspezialisten aus München beraten. Sie will wissen, welche Ansprüche sie gegen ihre Stieftochter Mercedes hat.

Das Problem

Enterbte Ehegatten können nach dem Tod ihres Partners einen Pflichtteilsanspruch gegen den oder die Erben geltend machen. Die Höhe der Pflichtteilsquote ist davon abhängig, welche sonstigen erbberechtigten Personen beteiligt sind und in welchem Güterstand die Eheleute lebten.

Die nachfolgende Tabelle veranschaulicht die Abhängigkeit der Pflichtteilsquote von der Zahl der vorhandenen Kinder und vom ehelichen Güterstand:

 

Ehelicher Güterstand des Erblassers

Pflichtteil je Kind

(wenn der Erblasser im Erbfall noch verheiratet war)

Pflichtteil des Ehegatten

(neben Abkömmlingen)

bei 1

Kind

bei 2

Kindern

bei 3

Kindern

Gesetzlicher Güterstand

(= Zugewinngemeinschaft)

 

1/4

 

1/8

 

1/12

 

1/8

 

Gütertrennung

 

1/4

 

1/6

 

1/8

bei 1 Kind:

 

1/4

bei 2 Kindern:

 

1/6

bei 3 und mehr Kindern:

1/8

 

Gütergemeinschaft

 

 

3/8

 

3/16

 

3/24

 

1/8

 

 

Hat der enterbte Ehegatte beim Erbfall im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft gelebt, kann er gemäß § 1371 Absatz 2 BGB – ähnlich wie im Falle einer Ehescheidung – einen Zugewinnausgleich fordern, wenn der Erblasser während der Ehezeit einen größeren Zugewinn als der verwitwete Partner erwirtschaftet hat.

Die Lösung

Da Harald und Ann-Katrin Matthiesen keinen Ehevertrag errichtet haben, leben sie im gesetzlichen Güterstand der Zugewinngemeinschaft. Der Erbrechtsexperte aus München stellt folgende Berechnung des Zugewinnausgleichs an:

Endvermögen von Harald Matthiesen bei seinem Tod: 400.000 €
Anfangsvermögen von Harald bei seiner zweiten Heirat: 100.000 €
= Zugewinn von Harald während der Ehezeit: 300.000 €

Endvermögen von Ann-Katrin Matthiesen beim Tod ihres Mannes: 100.000 €
Anfangsvermögen von Ann-Katrin bei der Eheschließung: 50.000 €
= Zugewinn von Ann-Katrin während der Ehezeit: 50.000 €

Die Differenz zwischen dem Zugewinn von Harald Matthiesen (300.000 €) und dem Zugewinn seiner Frau Ann-Katrin (50.000 €) beträgt damit 250.000 €. Bei einer Scheidung hätte Ann-Katrin von ihrem Mann ein Zugewinnausgleichsanspruch in Höhe der Hälfte der Differenz der beiden Zugewinne, also 50 Prozent von 250.000 €, somit 125.000 €, zugestanden.

Diesen Betrag kann Ann-Katrin Matthiesen auch nach dem Tod ihres Mannes fordern, obwohl die Ehe nicht durch Scheidung, sondern durch den Tod geendet hat. Die Alleinerbin Mercedes muss aus dem Nachlass ihres verstorbenen Vaters (400.000 €) 125.000 € in bar als Zugewinnausgleich an die „Stiefmutter“ Ann-Katrin Matthiesen auszahlen.

Zudem kann die Witwe gemäß § 1371 Absatz 2 BGB einen Pflichtteilsanspruch in Höhe eines Achtels des Reinnachlasses gegen die Stieftochter Mercedes geltend machen. Vom Nachlasswert in Höhe von 400.000 € ist aber zunächst die Zugewinnausgleichszahlung von 125.000 € abzuziehen. Aus dem danach verbleibenden Betrag von 275.000 € steht Ann-Katrin ein Achtel (34.375 €) zu.

Insgesamt erhält Ann-Katrin Matthiesen aus dem Nachlass ihres verstorbenen Mannes somit einen Betrag von 159.375 € (= 125.000 € + 34.375 €).

Die eingesetzte Alleinerbin Mercedes Matthiesen muss also einen ganz erheblichen Anteil des Erbes – fast 40 Prozent – an die enterbte Ehefrau abtreten.